Terrorverlag 21-04-2009

Die niederländischen Powerfrauen von REINCARNATUS haben inzwischen mit „Media Vita“ ihr zweites Album auf den Markt gebracht. Erneut zeigen sie in ihrem eigenen Stil den Umfang ihres musikalischen Könnens und beweisen ihre Hingezogenheit zur mittelalterlichen Musik. Dass diese Musik nicht nur aus Volksweisen und Balladen bestehen muss, sondern eine gehörige Portion Rock enthalten kann, haben auch schon andere Damen gezeigt. Die acht Ladies aus unserem Nachbarland tun dies mit besonders viel Power und mit einem umfangreichen Instrumentarium. Neben den mittelalterlichen Gerätschaften wie Dudelsack, Flöte, Schalmei, Fidel, Bouzouki und Leier werden Schlagzeug, Bassgitarre, E-Gitarre und Synthesizer bedient. Mit diesem Album geht die Band ab diese Woche auch auf Deutschland-Tour.

Mit „Shadow Dance“ beginnt das Werk und stimmt den Hörer zunächst auf eine alte Volksweise mit Fiedel, Drehleier und dazu passendem Gesang ein. Doch bevor das volksliedhafte Vorspiel Überhand nimmt, läutet das kräftige Schlagzeug die nächste Runde ein und mit einem orchestralen Groove, wie ich ihn von der kanadischen Band SAGA kenne, wird der Song fortgesetzt. So plötzlich wie der Übergang zum harten Sound endet der Titel mit einem Schlag, während sich der Körper weiterhin bewegen will. Obwohl es abgerissen wirkt, passt es aber zu diesem Titel. Mit dem Lied „Jeanne D’Arc“ wird die Liebe zu und Sehnsucht nach einer starken Frau, einer „Frau in Waffen und Rüstung“, beschrieben. Neben Dudelsack werden Schalmei und Zither eingesetzt, die die balladesken Töne unterstreichen und die Gedanken abschweifen lassen. Das aus dem 12. Jahrhundert stammende „Humilitas“ haut als krasser Gegensatz zur vorherigen Ballade mit metallenen Rhythmen auf die Ohren. Tonangebend während der schnellen Klänge der Synthesizer, jedoch faszinierend der Wechsel zwischen dem „hard and heavy“ und den meditierenden Gesängen des Original-Titels, der zudem lateinisch vorgetragen wird. Mit „Love’s Calling“ wird erneut zu einer Ballade gewechselt. Besonders der dominierende Dudelsack sorgt dafür, dass man bei geschlossenen Augen unwillkürlich an die grünen Berge der schottischen Highlands denkt. Obwohl immer noch balladesk, wird „Love’s Calling (Alternate Version)“ wesentlich härter gespielt. Dumpfe, hämmernde Gitarren untermalen den Dudelsack und halten höchsten nur beim choralen Gesang ein. Als der Song „Sweet Divinity“ erneut einen schnellen Groove vorgibt, wird das Schema des Albums klar. Wenn nicht schon innerhalb eines Titels zwischen Rock und Ballade gewechselt wird, dann wird spätestens von einem zum anderen Stück gewechselt. Dieses Volkslied stammt ebenfalls aus dem 12. Jahrhundert, was in dieser Weise nicht zu erwarten ist, und wird lateinisch als auch englisch interpretiert. Der Titelsong beginnt dann mit Glockenschlägen und gregorianischem Gesang. Das aus dem 10. Jahrhundert stammende Lied wird mit einem hämmernden Gitarrensound untermalt und ebenfalls lateinisch gesungen, wobei ein immer wieder zwischen dem Gesang der Mönche und denen der Band gewechselt wird und lange strecken instrumental bleiben. Bei „Fin Amor“ aus dem 13. Jh. Spielt die Flöte die Hauptrolle und lädt zum Tanzen ein. Wenn nicht der metallene Sound im Hintergrund wäre, könnte man sich einen mittelalterlichen Marktplatz mit Gauklern und Spielleuten vorstellen. „She Moved Through the Fair“ bringt elfenweichen Sound, einer Hymne gleich, zu Ohren. Erst als der Dudelsack zusammen mit dem Schlagzeug und weiteren Instrumenten einsetzt, wird ein tanzbarer Rhythmus daraus, bei dem die Flöte den Ton angibt. Ganz überraschend dann ein Pop-Titel, der so in die üblichen Mainstream-Radiosender passt wie kaum ein anderer. Er könnte auch auf dem europäischen Songcontest gespielt werden. Aber der Einsatz der mittelalterlichen Instrumente wird dabei nicht vergessen. Sie sind im Hintergrund immer präsent. Doch dann Überraschung: Das Lied enthält eine Einlage des u.a. von der Berliner Bruderschaft POTENTIA ANIMI oder auch von den MEDIAEVAL BABES bekannten Liedes „Gaudete“. Wurden bislang schon sehr viele Instrumente vorgestellt, so gibt es mit der letzten Ballade „My Love“ auf dieser Scheibe eine Extraeinlage für die Harfe. Die keltischen Klänge lassen einsinken in die Nebel von Avalon.

Die Fans mittelalterlicher Musik dürfen sich auf einen neuen, erfrischenden Sound freuen. Ein Vergleich mit BLACKMORE’S NIGHT oder den MEDIAEVAL BABES verbietet sich, denn REINCARNATUS ist was Eigenständiges. Sie schaffen eine besondere Transformation der mehrere hundert Jahre alten Lieder in die moderne Musikszene. Professionalität in der Beherrschung der unterschiedlichsten Instrumente sorgt für einen sauberen Klang und auf die Bühnenshow bin ich gespannt.

- Detlef Knut

Album

Album cover Media Vita 

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Album cover Media Vita 

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Album coverMedia Vita Tour